12.11.2011

Fachtagung Inklusion des Pädagogen-Verbandes

Bericht von der Fachtagung Inklusion des Brandenburgischen Pädagogen-Verbandes am 9.11.2011 in Potsdam

Seit den Ankündigungen der Bildungsministerin Frau Münch im Frühjahr 2011, den Prozess der Integration und Inklusion an den Schulen zu verstärken und insbesondere Schüler mit Förderbedarf Lernen vollständig in die Regelklassen zu integrieren, begann eine lebhafte Debatte. Nach den Regionalkonferenzen und den Fachtagungen im LISUM, die vom MBJS organisiert wurden, hat jetzt der Brandenburgische Pädagogen-Verband (Mitglied im VBE, Verband Bildung und Erziehung) zum ersten Mal zu einer Inklusionstagung „von Lehrern für Lehrer“ eingeladen, wie die Organisatorin Christina Adler sich ausdrückte.
Dass es hier nicht nur um Protest gehen soll, bewies Christina Adler gleich zu Beginn. Ihre Klasse führte zunächst ein Herbstlied konventionell im Chor auf und dann differenziert mit unterschiedlichen Instrumenten. Diese „echt inklusive Klasse“, in der neben diversen Förderbedarfen und Teilleistungsstörungen auch Anwärter auf die LuB-Klassen vertreten sind, demonstrierte anschaulich Inklusion live.

In einer „Vorlesung“ stellte die Hochschullehrerin und Vorsitzende des Fachverbands Sonderpädagogik Frau Salzberg-Ludwig klar, dass Inklusion nicht erst seit der Ratifizierung der bekannten UN-Behindertenrechtskonvention im Gespräch ist. Entstanden ist der pädagogische Begriff Inklusion schon 1994 auf dem UNESCO Kongress, der das wegweisende „Salamanca Statement on Special Needs Education“ beschlossen hat.
Die Ratifizierung der UN-Konvention von 2006 durch Deutschland im Jahre 2008 hat das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Artikel 24 ist eindeutig, er verlangt „full and effective participation and inclusion in society“.
Inklusion kann nicht einfach per Dekret umgesetzt werden. Frau Salzberg-Ludwig empfiehlt den Lehrkräften „3 Schritte“:
1. Akzeptanz auch unangenehmer Schüler im Sinne des humanistischen Menschenbildes
2. Aneignung von Handlungskompetenzen wie Diagnostik, Begleitung von Lernprozessen, Förder- und Interventionskonzepte
3. Verbindlich „Teamarbeit leben und gestalten“ mit offenen Kommunikationsprozessen und einem Klima gegenseitiger Achtung

Der Nachmittag stand ganz im Zeichen des Vortrages von Professor Wocken, zurzeit in ganz Deutschland als „Papst“ der Inklusion ein vielgefragter Referent. Mit einfachen Beispielen und Argumenten stellte er die Notwendigkeit inklusiven Unterrichts dar.
Die ‚Hilfsschulen’ stellten bei ihrer Gründung vor über 100 Jahren einen gesellschaftlichen Fortschritt dar. Sie hatten eine integrative Aufgabe zur Vorbereitung auf das Arbeitsleben und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Bis dahin wurden Behinderte gar nicht beschult – so wie übrigens heute noch 90% der behinderten Kinder weltweit. Die Gesellschaft hat sich weiter entwickelt und Chancengerechtigkeit, Integration und Teilhabe sind über das gemeinsame Lernen zu erreichen, Exclusion und Segregation behindern den Prozess.
Dabei beruft sich Prof. Wocken auch auf ein Leitmotiv von Richard von Weizsäcker:
„Es ist normal, verschieden zu sein.“
Den Lehrkräften gab Herr Wocken noch eine Reihe von Definitionen mit:
o Abgrenzung zur Integration: Inklusion ist gemeinsamer und differentieller Unterricht in gemischten Lerngruppen in einer Schule für alle
o inklusive Schule mit Zieldifferenz, Vielfalt der Lernwege und keinen Noten mehr
o inklusives Bildungssystem mit Regelsystem (LES) und Unterstützungssystem (spezielle Behinderungen).
Hilfreich für Schule und Weiterbildung war auch seine Kurzfassung der kooperativen Lernmethode, die er mit den 200 Anwesenden gleich durchführte:
Think – Pair – Share bedeutet:
1. Think: Nachdenken über das Problem unbedingt in Einzelarbeit
2. Pair: Aussprache über das Problem in Partnerarbeit
3. Share: Darstellung des Erarbeiteten bzw. der Lösung vor dem Plenum oder einer Gruppe
Eine besondere Form der Methode ist das Gruppenpuzzle, das immer mehr Eingang in den Schulalltag findet. Die Weitervermittlung von Wissen ist vor allem für den Lehrenden effektiv. Das hat schon Pestalozzi erkannt: „Erklären macht schlau!“ Aus diesem aber auch aus anderen, z. B. demografischen Gründen hält Herr Wocken die Überwindung des mehrgliedrigen Schulsystems durch eine Gemeinschaftsschule für dringend geboten. (Siehe auch www.hans-wocken.de ) 

Die Tagung fand ihren Abschluss in einer Podiumsdiskussion, in der Politiker verschiedener Parteien auf Fragen aus dem Publikum antworteten. Dabei wurde deutlich, dass die Lehrkräfte durchaus offen für mehr Integration und Inklusion sind, sich aber von der Regierung alleingelassen fühlen. Ohne ausreichende Unterstützung in sächlicher und personeller Hinsicht ist diese notwendige Reform nicht zu schaffen.

Als Sprecher der LAG Bildung nahm Herr Seelbach vertretungsweise für Marie Luise von Halem an der Podiumsdiskussion teil. 

Er kritisierte scharf die Politik der Landesregierung, die "im Frühjahr eine so gute Idee wie die Inklusion fast vor die Wand gefahren hat, indem sie nur von Schließung der Förderschulen und 27 Millionen Einsparung geredet hat." Er gestehe dem Ministerium aber Lernbereitschaft zu, inzwischen sei zu erkennen, dass auch das Ministerium nach und nach die Notwendigkeit finanzieller Anstrengungen einräume. Ausdrücklich lobte er die Maßnahme der Einrichtung von Pilotschulen, wies jedoch darauf hin, dass es gute und schlechte Erfahrungen hinsichtlich Qualität und Ausstattung der Pilotschulen gebe.

Aus dem Publikum und vom Pädagogenverband wurde gefragt, ob die bestehende Gliederung des Schulsystems nicht der Inklusion entgegenstehe. Dies bejahte Herr Seelbach und führte aus, dass mit zunehmender Individualisierung des Unterrichts auch die Forderungen der Eltern nach äußerer Differenzierung im Schulsystem zurückgehen würden.

In dem Zusammenhang unterstützte er die Aussage von Professor Wocken, dass im immer dünner besiedelten ländlichen Raum ein Nebeneinander mehrerer Schulformen nicht mehr tragbar ist und eine Schule entstehen muss, die alle Abschlüse unter einem Dach anbietet - am besten eine Gemeinschaftsschule, die innere Differenzierung und gemeinsames Lernen als Leitsatz hat. Auch der dramatische Rückgang der Oberschulen mache neue Lösungen Richtung Gesamt- oder Gemeinschaftsschule notwendig.  Gemeinsames Lernen sei eine win-win-Situation. Die SchülerIn, die anderen etwas vermittelt, hat einen hohen Zugewinn an Kompetenz aber auch eine deutliche Vertiefung des Fachwissens. "Das haben alle Lehrer nicht nur bei SchülerInnen, sondern auch selber dann erfahren, wenn sie sich in neue Fachgebiete eingearbeitet haben!"

Der finanzielle Spielraum, der sich durch den Rückbau der Förderschulen ergebe müsse in voller Höhe der Inklusion zugute kommen. Darüberhinaus werde z.B. für die Fortbildung der Lehrkräfte eine Anschubfinanzierung nötig sein. Die Forderung "Da muss auch mal eine Ermäßigungsstunde her, wenn Lehrkräfte neue Materialien erstellen oder besondere Aufgaben bei der Teambildung erfüllen!" erntete großen Beifall.

Zur Verantwortung der LehrerInnen sagte er: "Inklusion und Indiviualisierung kann zwar von der Politik initiiert und unterstützt weden, letztlich sind es aber die Lehrkräfte, die das im Unterricht umsetzen. Dabei geht es nicht nur um die Rahmenbedingungen, sondern die Lehrkräfte müssen sich auch der Rolle als Lernbegleiter öffnen - wie z. B. beim Stationenlernen." Damit spielte er auf Wockens Bild der inklusiven Schule an, in dem die SchülerInnen individuell je nach Kompetenzstand selbständig lernen - mit Unterstützung und vorbereitet durch die Lehrkräfte. 

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